Kurz & Knapp – KW 47/2013

Unter der Rubrik „Kurz & Knapp“ finden sich Hinweise und Links auf Meldungen und Webseiten, die mir nebenbei auffallen, aber auf die Schnelle keinen eigenen Blogeintrag hier erhalten. Sei es, weil mir die Zeit fehlt, sei es, weil sie am besten für sich selbst stehen oder das Thema Raumfahrt eher am Rande betreffen:

Bullocks Unterwäsche

Wenn sich Astronaut Chris Hadfield und Talkmaster Conan O’Brien in Conans Sendung öffentlich über die Schauspielerin Sandra Bullock auslassen, ist das ausnahmsweise mal nicht der übliche billige Promi-Tratsch, sondern durchaus informativ. Dann nämlich, wenn es um Bullocks Rolle der Astronautin in ihrem jüngsten Film „Gravity“ geht. Beziehungsweise um die Kleidung, die sie dort trägt:

 

Offenbar haben die Macher von „Gravity“ in dieser Hinsicht wohl ihre Hausaufgaben nur unvollständig erledigt. Oder vielmehr diesen Aspekt des Films dem Wunschdenken des Publikums angepasst. Doch wenn dem so ist, dann stellt sich die Frage: Was für Kleidung tragen Astronauten denn nun tatsächlich?

Das bekannteste Astronauten-„Kleidungsstück“ ist zweifellos der Raumanzug, den man im Grunde aber eher als Mini-Habitat einstufen müsste. Im Gegensatz zu herkömmlicher Kleidung sorgen nämlich Raumanzüge durch eine Vielzahl technischer Module nicht nur passiv, sondern aktiv für Temperatur- und Druckausgleich sowie für die Sauerstoffversorgung im All, Augenschutz, Kameraüberwachung, Motorisierung und mehr. Sie bestehen zudem aus Materialien wie urethan- bzw. neopren-beschichtetem Nylon, Dacron, aluminisiertem Mylar, Teflon, Kevlar, Nomex, festen Kunststoffen und Metallen. [1] An halbwegs normale Kleidung erinnert hier bestenfalls noch die Form, so dass ich auf den Raumanzug selbst an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Es sei nur erwähnt, dass Raumanzüge während der Außenarbeiten im All, aber auch während des Shuttle-Fluges getragen werden. In diesem Fall kommen die bekannten orangefarbenen, etwas weniger aufwändig ausgestatteten „Launch and Entry Suits“ zum Einsatz.

Nun steckt ein Astronaut natürlich nicht nackt in seinem Anzug, sondern benötigt dafür spezielle Unterkleidung. Wie man dem Interview mit Chris Hadfield entnehmen kann, sieht die Realität bei einem Raumspaziergang allerdings weit weniger sexy aus als „Gravity“ uns glauben macht: Bullock trägt im Film unter ihrem Raumanzug dünne Höschen und ein Hemd. Eine echte Astronautin hingegen trüge lange Unterwäsche, ein Flüssigkühlsystem und … Windeln. Denn die Unterkleidung eines Astronauten beim Raumspaziergang muss logischerweise in der Lage sein, sämtliche Ausscheidungen zu absorbieren bzw. aufzufangen. Ein Toilettengang ist bei den meist mehrstündigen Außenarbeiten nicht möglich.

Die Anforderungen an die Kleidung von Astronauten unterscheiden sich also deutlich von denen, die die meisten Menschen auf der Erde an ihre Arbeitskleidung stellen würden. Auch dann, wenn der Raumfahrer nicht in einem Raumanzug steckt, sondern sich nur in einer Raumstation aufhält.

Zwar tragen auch Astronauten Socken, Unterwäsche, Overalls, Hosen, Shirts und dergleichen. Doch ihre Kleidung ist sowohl von den Materialanforderungen als auch vom Design an den Aufenthalt im All angepasst. Sie besteht zum Großteil aus mindestens 95% besonders reißfester, fusselfreier und antistatischer Baumwolle.

Clothing containing a minimum of 95 percent cotton is recommended based upon the preference for material that would char rather than melt (such as polyesters) if exposed to high temperatures or flash fires. Sweaters must be at least 70 percent cotton. Exceptions to the 95 percent cotton requirement include undergarments worn under other clothing items and nylon athletic shorts provided for exercise only and not as a main clothing item. Exceptions are handled on a case-by-case basis through the NASA materials review and approval process. Items that are lint producing are washed and tumbled multiple times, followed by shaving, if necessary, to decrease the amount of lint particles.

The vendors will be required to provide similar linting prevention methods prior to delivery as required for their particular items. Products that are antilinting, antistatic and antiodor are encouraged. Other innovations will be considered.
(Quelle: NASA)

Die Kleidung wird darüber hinaus direkt nach der Produktion nicht nur gründlich gewaschen, sondern auch auf versteckte Nadeln untersucht/geröntgt und sterilisiert. Erst dann werden die Stücke vom Hersteller in hermetisch versiegelter Verpackung ausgeliefert.

Beim Design spielen praktische Aspekte die Hauptrolle. Eine Vielzahl an Taschen und Extra-Klettbändern gehören zum Standard bei der Oberbekleidung für Astronauten. Grund hierfür ist wieder einmal die Schwerelosigkeit. Werkzeuge etc. kann ein Besatzungsmitglied nicht einfach irgendwo ablegen, denn sie würden davonschweben und ggf. sogar Schaden am Innenraum anrichten. Der Raumfahrer verstaut sie also am besten in seiner Kleidung oder befestigt sie daran.

Der oben zitierte Ausschreibungstext der NASA verdeutlicht, dass auch großer Wert auf leichte Handhabung gelegt wird: Hosenbunde sind verstellbar und/oder mit Gummizug versehen, Taschen sollen sich möglichst mit nur einer Hand öffnen lassen und ihren Inhalt sicher vor dem Davonschweben schützen. Kurze Hosen müssen mindestens so lang sein, dass die On-Board-Kameras nicht versehentlich den Intimbereich der Astronauten aufnehmen können. (Auch in dieser Hinsicht wäre die Hose der Astronautin in „Gravity“ also durchgefallen.)

Doch nicht nur Material und Funktion sind auf die Anforderungen im All abgestimmt, sondern auch die Auswahl der Farben. Die Kleidung soll optisch mit dem Rest der Station harmonieren und möglichst keine Aggressionen oder Irritationen hervorrufen. Schrille Farben und Muster sind daher tabu. Aufgrund der Enge, in der die Astronauten über längere Zeit zusammenarbeiten müssen, ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen. Laut NASA können die Besatzungsmitglieder der ISS zwischen Kleidung vom russischen oder vom amerikanischen Hersteller (wechselnd, z.B. Gibson & Barnes) wählen. Hierbei steht eine Palette von Farben zur Verfügung, aus denen die Astronauten während der Missionsvorbereitungen frei wählen können. [2]

Was die Fußbekleidung angeht, setzen zumindest die Chinesen auf maßgefertigte Produkte. Die Füße der Astronauten werden zunächst präzise mit Schaum abgeformt. Nach dieser Form fertigt der Hersteller Xingxing Cathay aus mehreren Schichten Leder, Textilien und Kunststoffen Schuhe, die staub- und strahlungssicher sind und nicht durchbohrt werden können. Sie sind des weiteren ebenfalls antistatisch und schmutzabweisend.

Die konkrete Ausstattung eines Astronauten richtet sich nach seinen Aufgaben und der geplanten Länge seines Aufenthalts. Es ist Kleidung für die Arbeits-, die Trainings und die Freizeitphasen erforderlich, ebenso Nachtwäsche. Während jedoch die Unterwäsche täglich gewechselt werden kann, muss die Oberbekleidung mehrere Tage bis Wochen lang getragen werden. Der Grund für dieses etwas unhygienisch anmutende Limit ist der Platzmangel an Bord.

Die durchschnittliche Ausrüstung für eine Mission umfasst:
– Drei bis vier Sport- und Schlafhemden
– Pro Flug(!)tag ein Flugshirt, dazu zwei oder drei für Trainingsaktivitäten
– Eine Jacke oder ein Pullover
– Vier Athletik-Shorts
– Vier Hosen
– Pro Tag ein Set Unterwäsche
– Zwei bis drei Sets lange Unterwäsche
– Ein paar Anti-Rutsch-Socken mit Ledersohle
– Pro Tag ein Paar Baumwollsocken
– Ein Paar Hirschlederhandschuhe
– Vier Stofftaschentücher
– Schuhe/Stiefel für Außenarbeiten, Innenarbeiten, Sporttraining

Für eine meist mehrere Wochen oder gar Monate dauernde Mission ist das relativ wenig. Dem durchschnittlichen Erdbewohner stellt sich angesichts dessen früher oder später die Frage, wie es in einer Raumstation eigentlich um Waschmaschinen und Trockner bestellt ist. Die Antwort ist ebenso simpel wie launig, und entsprechend fällt O’Briens Reaktion aus:

„Wait a minute! You’re kidding! You guys on the space station are throwing your dirty underwear out of the window, and it’s raining down on us?“

Genau so ist es. Die letzte Sternschnuppe, von der man sich ewige Liebe oder unermesslichen Reichtum gewünscht hat, war eventuell doch nur eine verglühende Progress-Kapsel voller zerschlissener und verschwitzter Astronautenunterhosen.

 

[1] „The Astronaut’s New Clothes
[2] „Humans in Outer Space – Interdisciplinary Perspectives„, Ulrike Landfester,Nina-Louisa Remuss,Kai-Uwe Schrogl,Jean-Claude Worms (Herausg.), Springer, Wien/New York 2010, S. 192

Erfolg für Indien

Der Indian Space Research Organization (ISRO) ist gelungen, woran China und Japan bisher gescheitert sind: Seit heute befindet sich die Marssonde „Mangalyaan“ auf dem Weg zu unserem Nachbarplaneten.

Zunächst umkreist Mangalyaan mehrfach die Erde, um sich dann in Richtung Mars zu katapultieren. Sie wird dort ab September 2014 die Marsatmosphäre und die geologischen Gegebenheiten des Planeten analysieren:

One of the main objectives of the first Indian mission to Mars is to develop the technologies required for design, planning, management and operations of an interplanetary mission.

Following are the major objectives of the mission:

A. Technological Objectives:

– Design and realisation of a Mars orbiter with a capability to survive and perform Earth bound manoeuvres, cruise phase of 300 days, Mars orbit insertion / capture, and on-orbit phase around Mars.
– Deep space communication, navigation, mission planning and management.
– Incorporate autonomous features to handle contingency situations.

B. Scientific Objectives:

– Exploration of Mars surface features, morphology, mineralogy and Martian atmosphere by indigenous scientific instruments.

(Quelle: ISRO, „Mission Objectives„)

Bild: ISRO

Indische Marssonde Mangalyaan
Bild: ISRO

Deuterium, Wasserstoff und Methan stehen bei den Astrobiologen im Mittelpunkt des Interesses: Die technische Ausstattung der Sonde gestattet insbesondere beim letztgenannten Element das Auffinden von geringsten Spuren. Sie könnten Hinweise auf vergangenes oder aktuelles Leben auf dem Planeten liefern. Die Forscher versprechen sich daher von Mangalyaan noch nähere Einsichten als die Marssonde Curiosity oder ihre Vorläufer sie bisher liefern konnten.
Eine Landung der indischen Sonde ist nicht geplant.

Mit diesem Erfolg ist Indien auf einem guten Weg, Asiens Raumfahrtnation Nr. 1 zu werden. Im Gegensatz zu China, das jüngst durch seine Raumstation von sich reden machte und für das sich die US-Raumfahrtbehörde NASA de facto ein Kooperationsverbot auferlegt hat,  wird Indien bei seinem Vorhaben auch von den Amerikanern unterstützt. Sie sorgen dafür, dass Kommunikations- und Navigationsfunktionen aufrecht erhalten werden, wann immer Mangalyaan  für die Inder aufgrund ihrer Position nicht erreichbar ist. Diese Art von Kooperation könnte für zukünftige technische und wissenschaftliche Erfolge durchaus ausschlaggebend sein.

In Indien selbst ist das Projekt trotz des damit einhergehenden Prestiges für die Nation umstritten. Grund dafür sind die Kosten in Höhe von 75 Mio. US-Dollar. Verglichen mit den Raumfahrtmissionen der USA oder Europas erscheint dieser Betrag bescheiden. Teile der Bevölkerung werfen der indischen Regierung jedoch Angesichts der Armut des Landes Verschwendung vor.