Wenn wieder einmal eine Vega, Soyuz oder Ariane einen Satelliten ins All trägt, überwiegt bei Zuschauern und Berichterstattern meist die Faszination mit der Raketentechnik. Eher wenig hört man über den eigentlichen Startplatz, das Centre Spatial Guyanais. Dabei sind die Gründe, warum Europa für seine Raketen einen Ort in 7.000 Kilometer Entfernung vom eigenen Festland gewählt hat, nicht minder interessant als die Objekte, die von dort aus den Weg ins Orbit antreten. Die Entstehungsgeschichte dieses Startplatzes ist facettenreich und reicht zurück bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts:

Politischer Hintergrund
Der Launch des sowjetischen „Sputnik-1“ im Oktober 1957 ist weit mehr als nur eine Demonstration technischer Fähigkeiten. Mitten im Kalten Krieg ins Orbit geschickt ist  der kleine Satellit auch ein unerwarteter Schreckschuss und eine Herausforderung für die anderen großen politischen Mächte, denn bisher hatten die meisten anderen Staaten die USA an der Spitze des Feldes gesehen – inklusive der USA selbst. Die Sowjetunion bzw. Russland jedoch hat seit dem Ende des 17. Jahrhunderts Wissenschaftler und Ingenieure gemeinsam arbeiten lassen, militärisches Know-How mit Pulverraketen gesammelt und auf diese Kenntnisse bis zum Launch von Sputnik-1 gezielt und sukzessive aufgebaut. Dies macht sich nun selbst in wirtschaftlich prekäreren Zeiten bezahlt.

Zwar ist Sputnik eine friedliche Mission, doch dass die Sowjetunion inzwischen über ausreichend Ressourcen und Know-How für solch ein Manöver verfügt, stellt durchaus eine  militärische Bedrohung neuen Ausmaßes dar: Es gibt nun faktisch Interkontinentalraketen. Die Konsequenz ist klar: Die NATO-Mächte müssen schnellstmöglich nachziehen.

Den USA, als große und reiche Nation, gelingt dies ein Vierteljahr später mit Explorer-1.
Europa jedoch besteht damals politisch und wirtschaftlich betrachtet hauptsächlich aus Großbritannien und Frankreich, die allerdings auf diesem Gebiet nicht miteinander kooperieren. Deutschland erholt sich zwar im Rekordtempo von den Folgen des selbst angezettelten Weltkrieges, ist aber von den Siegermächten inklusive der Sowjetunion besetzt und hat seine Raketentechnologie an die USA verloren. Doch selbst wenn Oberth, Nebel und von Braun noch zur Verfügung stünden: Im Rahmen der Entmilitarisierungsklausel des Potsdamer Abkommens war Raketen- und somit Waffenforschung in Deutschland unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg zunächst kaum vertretbar, auch wenn sich das durch den Kalten Krieg nun wieder ändert. Die anderen europäischen Staaten hingegen haben jeder für sich selbst genommen zwar gute Ansätze, aber weder die Ressourcen noch das Know-How, um mit dem Niveau der Supermächte mitzuhalten. Die ESA oder gar die Europäische Union wiederum existieren zum Zeitpunkt von Sputnik nur in den Köpfen einiger Visionäre.

Großbritannien hat in Zusammenarbeit mit Australien (bzw. ebendort) bereits erste Erfolge mit der „Skylark“ zu verzeichnen. Auch Frankreich hat bereits vor dem 2. Weltkrieg Erfahrungen mit Raketentechnik gesammelt, seine Forschungen aber bei weitem nicht so stringent weiterverfolgt wie die Sowjetunion. Angesichts der neuen Entwicklungen wird jedoch die Notwendigkeit nach einer konzertierten Zusammenarbeit von Forschern und Technikern überdeutlich. Infolgedessen gründet Frankreich 1961 eine eigene Raumfahrtorganisation: Das bis heute aktive Centre National d’Etudes Spatiales (CNES).

Suche nach einem Startplatz-Gelände
Neben den Einrichtungen für die eigentliche Forschung und Konstruktion benötigt man jedoch auch geeignete Test- bzw. Launchgelände. Die Kriterien für deren Auswahl sind grundsätzlich vielfältig, aber nicht alle gleich stark gewichtet. So muss das Gelände beispielsweise im eigenen Staat oder zumindest dem eines Verbündeten liegen, und zwar in einem Gebiet, in dem die Tests und ihre Überreste möglichst wenig Menschen oder Siedlungen gefährden können. Frankreich wählt zunächst Hammaguir, eine seiner Militärbasen in der algerischen Wüste. Allerdings wird bereits 1962 mit den Verträgen von Evian die zukünftige Unabhängigkeit Algeriens besiegelt. Somit würde sich der Startplatz schon bald eben nicht mehr auf französischem Hoheitsgebiet befinden.

Die Übereinkunft sieht immerhin eine Nutzungsmöglichkeit des Geländes bis 1967 vor, und Frankreich hofft, bis dahin wenigstens einen eigenen Satelliten starten zu können, was 1965 auch tatsächlich gelingt. Aber mit der Unterzeichnung jener Verträge wird auch deutlich, dass ein großzügig bemessenes und dünn besiedeltes Gelände zwar eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung ist, um einen Startplatz erfolgreich und dauerhaft zu betreiben. Politische Stabilität ist für die Planungssicherheit und den Schutz der eigenen Investitionen mindestens ebenso wichtig. Das französische Armeeministerium beschließt daher schon 1962, ein Testgelände auf dem eigenen Festland in der Nähe von Biscarosse und Mimizan einzurichten.

Somit hat Frankreich nun wieder eine Startbasis auf eigenem Grund und Boden. Dennoch stellt auch diese nur eine Teillösung dar:  Ein Blick auf die Karte verrät, dass Biscarosse am Golf von Biskaya und somit an der französischen Westküste liegt. Für Tests ist dies nicht unbedingt ein Problem. Will man jedoch ernsthaft Satelliten ins Orbit schicken, so sollten diese idealerweise*) in Richtung Osten starten, mit der Erdrotation.

Exkurs 1
Der Grund hierfür ist relativ einfach: Ein Satellit im Orbit fliegt streng genommen nicht wirklich, sondern stürzt permanent in Richtung Erde. Diese jedoch dreht sich ihrerseits unter ihm weg, so dass der Satellit die Erde mehr oder weniger lange umkreist, bevor er tatsächlich wieder den Boden erreicht. Je höher seine Geschwindigkeit, desto länger dauert dieser Prozess, und es ist auch je nach Höhe immer eine gewisse Mindestgeschwindigkeit erforderlich, damit der Umlauf überhaupt zustande kommt. Startet man den Satelliten nun bereits mit der Erdrotation, so addieren sich deren und seine eigene Geschwindigkeit wie bei einer Person, die auf einer bereits fahrenden Rolltreppe zusätzlich aktiv in dieselbe Richtung läuft. Auf diese Weise lässt sich Energie einsparen bzw. die Nutzlast der Rakete erhöhen.

In Richtung Osten jedoch befindet sich von Biscarosse aus gesehen bewohntes Gebiet, das überdies teilweise zum damaligen Ostblock gehört. Ähnlich ist die Situation in Richtung Norden und Süden. Auch polare Umlaufbahnen kann man also von Biscarosse aus nicht ansteuern, ohne eine Gefährdung von Bevölkerung und Umwelt zu riskieren. Vorsichtshalber zieht die französische Regierung zunächst parallel den weiteren Betrieb von Hammaguir in Betracht, verwirft dies jedoch in Anbetracht der zunehmend labilen politischen Lage Algeriens. Als Dauerlösung für echte Starts muss folglich noch ein neues, möglichst auch besseres Gelände gefunden werden. Es sollte nicht nur auf eigenem Territorium, sondern auch nach Norden, Osten und Süden hin frei liegen und idealerweise auch nicht allzu weit vom Äquator entfernt sein. Dort ist der oben beschriebene Effekt am stärksten ausgeprägt.

Exkurs 2
Dies lässt sich leicht unter Zuhilfenahme eines Globus veranschaulichen: Halten Sie Ihren Finger über einen bestimmten Ort am Äquator und drehen Sie den Globus dann um 180° unter Ihrem Finger hinweg. In der Natur entspräche diese halbe Drehung einem Zeitraum von 12 Stunden. Senken Sie nun den Finger auf den Punkt herab, der sich jetzt darunter befindet und messen Sie die Distanz zwischen diesem und dem Ursprungsort. Wiederholen Sie anschließend das Experiment in der Nähe des Nordpols und vergleichen Sie dann die beiden Strecken. Die in Polnähe zurückgelegte Strecke ist im selben Zeitraum weit kürzer — die Geschwindigkeit also niedriger. Direkt auf dem Pol hätte man überhaupt keine Strecke mehr, sondern lediglich einen Punkt, denn der Finger kommt genau dort wieder herunter, wo er auch zu Beginn schon war.

Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Pol und Äquator beträgt 1.670 Stundenkilometer. Wer die Stundenkilometer für den eigenen Breitengrad berechnen möchte, muss lediglich dessen Cosinus mit 1.670 multiplizieren.

Die Suchkriterien werden zudem erweitert um das Vorhandensein eines Hafens sowie eines Flughafens mit mindestens 3 Kilometern Pistenlänge. Insgesamt kommt die mit der Suche beauftragte Komission auf 14 mögliche Standortkandidaten.

Die Auswahl
Bei genauerer Betrachtung werden die meisten von ihnen jedoch direkt wieder verworfen. Sei es aufgrund ihrer Entfernung zu Frankreich (frz. Polynesien) oder ungeeigneter geologischer Charakteristiken (Seychellen), oder sei es wegen schlechter meteorologischer Bedingungen (frz. Antillen), politischer Instabilität (Somalien) und dergleichen mehr. Übrig bleibt letztendlich Kourou in Französisch Guyana, einer ehemaligen Kolonie, die auf die Unabhängigkeit verzichtet hat und somit politisch als Übersee-Département immer noch zu Frankreich gehört. Im Gegenzug erhält die Region Transferzahlungen aus Paris. [1]
Am 14. April 1964 fällt die Entscheidung für den dortigen Raketenbahnhof durch Ministerpräsident Pompidou.

Kourou, Französisch Guayana
Kourou, Französisch Guyana

Zwar ist der Hafen von Kourou zunächst noch zu klein, doch die geographische Lage und die sonstigen örtlichen Gegebenheiten sind nahezu perfekt. Sowohl nach Osten, als auch nach Norden und Süden befindet sich kaum bewohntes Gebiet. Starts in all diese Richtungen und ein späterer Ausbau der Basis sind daher problemlos möglich, ohne jemanden zu gefährden oder politische Komplikationen zu riskieren. Des weiteren hat man in Kourou auch seismisch und meteorologisch wenig zu befürchten. Überdies liegt der Ort nur fünf Breitengrade nördlich des Äquators.

Anfang 1965 beginnen die Arbeiten am Weltraumbahnhof Centre Spatial Guyanais und der umliegenden Infrastruktur wie dem Hafen von Kourou und den Zubringerstraßen. Im Mai desselben Jahres bietet das CNES offiziell an, den Startplatz bei Bedarf und auf Anfrage auch anderen Ländern zur Verfügung zu stellen. Hintergrund dieser auf den ersten Blick doch ungewöhnlichen Entscheidung ist die Entwicklung im Rest von Europa:

Parallel zu Frankreichs Bemühungen ist Westeuropa in der Zwischenzeit zu dem Schluss gekommen, dass eine konzertierte Anstrengung mehrerer Länder schneller zum Ziel führen würde als Alleingänge einzelner Nationen. Dies resultierte 1962 in der Gründung der „European Launcher Development Organisation“ (ELDO), unter deren Gründungsmitgliedern sich nun auch Deutschland befindet. Jener Vorläufer der heutigen ESA beschließt 1966, seine in Entwicklung befindliche Rakete „Europa“ in der Tat an den nahezu idealen Standort nach Kourou zu verlegen. Zur Auswahl stehen alternativ auch Australien und eine schwimmende Plattform vor Italien. Diese Optionen werden jedoch zugunsten von Kourou verworfen; nicht zuletzt deshalb, weil Frankreich den Großteil der Entwicklungskosten an der „Europa“ trägt. Im Gegenzug beteiligt sich die ELDO zu rund 40% an den Kosten des Weltraumbahnhofs.

Kourous erster Raketenstart, eine „Véronique„, erfolgt am 9. April 1968. Ein Jahr und elf Monate später, zwölfeinhalb Jahre nach Sputnik-1, startet eine Diamant-B und platziert „DIAL“ den zweiten deutschen und ersten in Kourou gestarteten Satelliten erfolgreich im Orbit.

Damit ist endgültig der Grundstein gelegt für die innereuropäische Kooperation auf dem Raumfahrtsektor. Sie überwindet eine ganze Reihe von technischen Fehlschlägen und inneren Konflikten [1], wird dabei im Lauf der Jahrzehnte immer weiter ausgedehnt [2][3] und hat nun also mit Kourou im östlichen Südamerika einen ihrer wichtigsten Standorte.

Französisch Guyana zwischen Hoffnung und Skepsis
Mit nur einem Sechstel der Bevölkerungsrate von Frankreich ist Französisch Guyana in den 1960er Jahren zwar tatsächlich sehr dünn besiedelt, doch bedeutet dies nicht, dass die einheimische Bevölkerung vom Bau des CSG gänzlich unbeeinflusst bleibt. Das Übersee-Département hat mit seiner Teufelsinsel bereits als französische Strafkolonie Erfahrungen gesammelt und dabei feststellen müssen, dass die Gefängnisverwaltung („Administration Pénitentiaire“) in vielen Belangen der lokalen Regierung den Einfluss auf die regionale Entwicklung streitig machte. Aus der Befürchtung heraus, dass dieser Effekt sich mit dem CSG wiederholen bzw. noch verstärken wird, regt sich gegen dessen Einrichtung durchaus Widerstand unter den Einwohnern. Die lokalen Befürworter des CSG hingegen erhoffen sich soziale und wirtschaftliche Impulse durch die Zuwanderung von qualifiziertem Personal sowie der Einfuhr moderner Technologien und hochwertiger Waren aus Europa. [4]

Im Lauf der Zeit stellt sich heraus, dass beide Seiten mit ihren Vorhersagen recht behalten. Allerdings nicht ganz so wie gedacht:

„The penal colony operates opposite a colonial administration largely directed from Paris, whereas the space center operates opposite a more complex set of local as well as state political administrations. One employs leftover forces of law and order, whereas the other employs highly trained technical personnel; (…) One, if anything, repels foreign immigration and is subject to international protest, whereas the other exerts a powerful attraction on neighboring populations and is subject to significant international cooperation. (…) [The penal colony] reflects visions of an ancient underworld, whereas Ariane reflects visions of a new overworld.“

Quelle: [4]

Der Zustrom der erhofften qualifizierten Europäer, Technologien und Waren findet  zwar statt, hat jedoch einen schleichenden, unerwünschten Effekt: Im ganzen Département steigen zusammen mit dem importierten Lebensstandard auch die Lebenshaltungskosten. Sie liegen für Lebensmittel heute um 45% höher als im französischen Mutterland, beim Rest der Waren um 12%. Der Durchschnittsverdienst sowie das Bruttoinlandsprodukt liegen jedoch weit unter denen von Frankreich insgesamt.

Das CSG bringt also tatsächlich Wohlstand nach Französisch Guyana, doch dieser wird nicht gleichmäßig verteilt. Er konzentriert sich stattdessen in einigen wenigen Gegenden und Gruppen. Die soziale Kluft ist enorm; ein Umstand, der auch unserer Besuchergruppe**) im Januar bei den Fahrten durch die Umgebung nicht verborgen blieb und zumindest bei mir ein Gefühl beklommener Hilflosigkeit weckte. Auf einem Kilometer stehen moderne, gepflegte Villen, während man die Unterkünfte nur ein paar hundert Meter weiter bestenfalls noch euphemistisch als Häuser bezeichnen kann. Direkten Zugang zu Trinkwasser haben lediglich 15% der Einwohner, eine Straßenbeleuchtung gibt es nur in den reichen Vierteln und die Mordrate dieses Départements ist die höchste von ganz Frankreich. [5]

Kourou sei eine Blüte der europäischen Technologie, ein Erfolg, sagt der [am CSG] beschäftigte Ingenieur Youri Antoinette. „Aber sobald man das Raumfahrtzentrum verlässt, befindet man sich in einem Entwicklungsland.“
(…)
In dem von dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen veröffentlichten Index der menschlichen Entwicklung liegt die Gebietskörperschaft (…) hinter Brasilien, Trinidad und Tobago sowie dem Durchschnitt lateinamerikanischer Länder.

Quelle: „Welt“ online

Gerade unter den jungen Einwohnern bis zu einem Alter von 25 Jahren liegt zudem sowohl die Quote der Schulabbrecher als auch die der Arbeitslosen sehr hoch. Mit 40 bzw. 46,5% lassen diese Zahlen für die nähere Zukunft kaum eine Verbesserung aus eigenen Kräften erwarten. Neben dem Wohlstands- ist langfristig also auch der Know-How-Transfer und der bildungstechnische Spill-Over-Effekt ausgeblieben. Professor Serge Mam Lam Fouck von der Universität Guyana fasst die derzeitige Gesamtlage folgendermaßen zusammen:

„Die Ungleichheit in der Entwicklung sowie die unzureichende Infrastruktur und die hohe Arbeitslosigkeit vermitteln den Eindruck, Guyana sei das Department einer Republik, die mit dem Prinzip der republikanischen Gleichheit bricht.“

Quelle: Amerika 21

Infolge all dessen kommt es wiederholt zu anhaltenden Protesten der Bevölkerung [edit: nicht gegen das CSG, sondern] gegen die Regierung in Paris. Zuletzt im Frühjahr 2017 anlässlich der Präsidentschaftswahlen, verbunden mit Straßenblockaden und der Forderung nach einem massiven Ausbau der finanziellen Förderung der Region. Anzunehmen, dass derartige Konflikte den gut gesicherten Raumfahrtstandort darum nicht beeinträchtigen können, wäre allerdings ein fundamentaler Irrtum. Um den Druck auf Frankreich zu verstärken, blockierten die Protestierenden 2017 auch das CSG und seine Zufahrtswege, verhinderten auf diese Weise über mehrere Wochen hinweg den Start diverser Missionen und verursachten so Mehrkosten in Höhe von einigen Millionen Euro.

„… die Proteste gegen die sozialen Probleme [seien] von historischer Bedeutung. Sie seien ein Ergebnis des fundamentalen Widerspruchs zwischen dem politischen Status des Gebiets und der sozialen und wirtschaftlichen Situation. Das Versprechen von 1946, die Wirtschaftskraft des Departments würde mit jener Frankreichs auf gleicher Ebene stehen, wurde nicht eingehalten.“

Quelle: Amerika 21

Es greift auch hier — wieder und weiterhin — der eingangs schon erwähnte Aspekt der inneren politischen Stabilität, die für einen erfolgreichen Betrieb eines Startzentrums gewährleistet sein muss. Während man die sozialen und wirtschaftlichen Missstände in Kourou höchstens zu einem sehr geringen Grad direkt dem Centre Spatial zuschreiben kann, ist das Raumfahrtzentrum seinerseits ganz klar direkt abhängig vom Zustand und Wohlwollen seines Umfeldes. Meines Erachtens müssen sowohl Frankreich selbst als auch die EU als Profiteur des CSG hierzu einen größeren Beitrag leisten, und zwar nicht nur, um das CSG zu sichern, sondern auch aus rein menschlichen Überlegungen heraus. Dieser Beitrag darf sich nicht nur in reinen Zahlungen erschöpfen. Angezeigt sind wohl auch Bildungsförderungsprogramme, handfester Ausbau der Infrastruktur und ähnliche Initiativen. ***)

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*) Israel handhabt dies aus politischen Gründen anders und lässt seine Raketen nach Westen starten. Dies hat allerdings Einschränkungen ihrer Kapazität zur Folge. [1]

**) zusammen mit einer kleinen Gruppe weiterer Blogger und Journalisten durfte ich im Januar 2018 auf Einladung der Europäischen Raumfahrtagentur das CSG und die Baustelle für das Launchpad der Ariane 6 vor Ort besichtigen. An dieser Stelle sage ich nochmals herzlichen Dank an alle, die dies ermöglicht und uns begleitet haben.

***) Mein persönlicher Vorschlag wäre daher, auch am CSG selbst Bildung- und Talentförderungsprogramme für die Bevölkerung anzubieten und in Gesprächsrunden mit den Einwohnern generell in den Dialog zu kommen, falls dies nicht ohnehin schon der Fall sein sollte. Es gibt wenige Bereiche in Wirtschaft und Wissenschaft, die auch bei Außenstehenden aller Altersgruppen weltweit so viel Faszination, Wissensdurst und Motivation auslösen wie die Raumfahrt. Dem gegenüber stehen in Kourou 1.700 hochqualifizierte Beschäftigte des Centre Spatial; nach meinem persönlichen Eindruck durchweg motivierte Personen, von denen viele auch Wissen hervorragend vermitteln können und sich der sozialen Verantwortung des CSG durchaus bewusst sind.

Könnte man diese beiden Seiten — Wissensdurstige und Wissensträger aller Altersgruppen — in freiwilligen Kursen, Workshops, Ferienaktionen, Dialogen etc. erfolgreich zusammen bringen, wäre vielleicht nicht der entscheidende Schritt zu mehr Bildung, Verständnis und Wohlstand für alle getan, aber immerhin ein weiterer von vielen möglichen und sicherlich ein weiterer in Richtung Augenhöhe. Neben Technik, Finanzen, Geographie etc. wurde die Bedeutung dieses Aspekts in Kourou eventuell bislang unterschätzt. Dann wäre es Zeit, das nun zu ändern. Wenn irgendein Sektor das schaffen kann, dann die Raumfahrt.

[1] Bernd Leitenberger: „Die Europa Rakete: Technik und Geschichte“, BoD, 2015
[2] Niklas Reineke: „Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik. Konzepte, Einflussfaktoren und Interdependenzen 1923 – 2002„, Oldenbourg Wissenschaftsverlag München, 2005
[3] J. Krige, A. Russo, „A History of the European Space Agency 1958 – 1987, Volume I, The story of ESRO and ELDO, 1958 – 1973
[4] Peter Redfield: „Space in the Tropics. From Convicts to Rockets in French Guiana„, University of California Press, 2000
[5] „Welt“ online: „Der verzweifelte Protest im französischen Armenhaus

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