Kurz & Knapp, KW 24/2016: Soyuz, Erdbeobachtung, Principia-SpaceDiary & mehr

1. Noch vor Australien hat Neuseeland eine eigene Raumfahrtagentur gegründet:
„The New Zealand Government has announced the development of a new regulatory regime for space and high altitude activities. It will ensure the development of a peaceful, safe, responsible and secure space industry that meets New Zealand’s international obligations. The space and high altitude regulatory regime will include a new law – The Outer Space and High Altitude Activities Bill which is scheduled to be introduced in the House in August 2016, a treaty with the United States – the Technology Safeguards Agreement (TSA) and Accession to the United Nations Convention on Registration, both of which are currently undergoing Parliamentary treaty examination.“
=> http://www.mbie.govt.nz/info-services/sectors-industries/space

2. Projekt TeSeR: Airbus geht das Weltraumschrott-Problem an
„A new European project has been given the ambitious goal of cleaning up space for future generations. The Technology for Self-Removal of Spacecraft (TeSeR) program, introduced in May 2016, is being held to develop a prototype for a module which will ensure that a defunct spacecraft possesses no danger for other vehicles in space.“
=> http://www.spaceflightinsider.com/missions/earth-science/europe-develops-self-removal-technology-spacecraft/
(Zur Erinnerung, was da momentan so alles rumfliegt: „Stuff in Space is a realtime 3D map of objects in Earth orbit„)
http://stuffin.space/

3. Wie funktioniert das eigentlich mit den Soyuz-Kapseln?
Dieses Video erklärt’s: „Soyuz undocking, reentry and landing explained“

4. Das Erdbeobachtungsprogramm der ESA – eine schöne Übersicht:
„Der Drang nach neuen Erkenntnissen steigert den Bedarf an präzisen Satellitendaten, die für vielfältige praktische Anwendungen zur Beobachtung und zum Schutz der Umwelt benötigt werden. Exakt solche Daten stellt das Erdbeobachtungs-Programm der ESA zur Verfügung. Es umfasst einen Forschungs- und Entwicklungsbereich, der vor allem die Earth Explorer-Missionen beinhaltet. Hinzu kommt ein Erdbeobachtungsbereich, der die Bereitstellung von Erdbeobachtungsdaten zur operativen Nutzung zum Ziel hat.“
=> http://www.esa.int/ger/ESA_in_your_country/Germany/Das_Erdbeobachtungsprogramm_der_ESA

5. Die NASA beschäftigt sich nur mit Raketen & Co.? Falsch.
„NASA challenge aims to grow human tissue to aid in deep space exploration“
=> http://www.spacenewsfeed.com/index.php/component/content/article?id=6421:nasa-challenge-aims-to-grow-human-tissue-to-aid-in-deep-space-exploration

6. Perfekt für die Regentage: Das ClearSky-Blog hat Bastelanleitungen (nicht nur) für Kinder zusammengetragen:
„Zum einen möchte ich astronomische Bastelbögen (Astronomie) beschreiben. Diese zeigen die Zusammenhänge und erklären z.B. Jahreszeiten und andere Himmelsphänomene. Zum anderen wird es den Bereich Raumfahrt geben. Hier gibt es viele Anleitungen zu bestimmten Raumsonden die man basteln kann.“
=> http://www.clearskyblog.de/2016/01/07/astronomische-bastelanleitungen-fuer-kinder/

7. Das Tagebuch der Principia-Mission des britischen Astronauten Tim Peake steht samt Zusatzmaterial für Lehrer zum Download bereit:
=> http://principiaspacediary.org/lessons/

Zum Wohl!

Eichenfässer

Eichenfässer, Credit: Gerard Prins, CC BY-SA 3.0

Es klingt wie ein Geschenk an die Besatzung, ist aber ein handfestes wissenschaftliches Experiment, an dem unter anderem auch die Universität von Tokio und die Tohoku-Universität in Sendai beteiligt sind: Die japanische Distillerie Suntory will einige ihrer Produkte zur ISS schicken, um sie in der dortigen Schwerelosigkeit reifen zu lassen:

H-II Transfer Vehicle No. 5, commonly known as “Kounotori5” or HTV5, is scheduled to be launched from JAXA’s Tanegashima Space Center on August 16 (Sunday) carrying alcohol beverages produced by Suntory to the Japanese Experiment Module aboard the International Space Station, where experiments on the “development of mellowness” will be conducted for a period of about one year in Group 1 and for two or more years (undecided) in Group 2.“ (Quelle: http://www.suntory.com/news/2015/12432.html)

Wieso und warum? Nun, offenbar haben die Hersteller festgestellt, dass eine Reihe von alkoholischen Getränken ein milderes Aroma entwickeln, wenn sie dabei möglichst wenig Temperaturschwankungen und Bewegung ausgesetzt sind. Genau das wäre auf der ISS gewährleistet. Obwohl die schottische Distillerie Ardberg von 2011 bis 2014 bereits ein ähnliches Experiment durchführte, sind die Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt. Die Proben der Schotten sind zwar schon wieder auf der Erde, ihre Studie mit den Analyseergebnissen ist allerdings noch nicht veröffentlicht.

Die These der Japaner lautet, dass die Entstehung hochkomplexer Moleküle aus Wasser, Ethanol und anderer für die Getränke typischer Stoffe für die Milde des Aromas von Bedeutung sind. Sie vermuten, dass die Konvektion bzw. deren Abwesenheit dabei eine entscheidende Rolle spielt. Konvektion kann man zum Beispiel gut beobachten, wenn man einen Topf voll Wasser auf einer Herdplatte erhitzt: Die untersten Wasserschichten werden als Erste heiß, verlieren dabei an Dichte und steigen aufgrunddessen nach oben auf. Gleichzeitig wird das noch kühle und dichtere Wasser von oben nach unten gezogen, wo es seinerseits erhitzt wird, aufsteigt, und so weiter. In einer Umgebung ohne Schwerkraft kann ein solcher Austausch jedoch nicht stattfinden, da die Dichte bzw. das Gewicht der einzelnen Flüssigkeitsschichten dort eben unerheblich ist. (Konvektion wäre hier allerdings noch über Änderungen in der Oberflächenspannung zu erreichen.)

Unterdrückt man die thermische Konvektion, kann man z. B. besonders gleichmäßige Kristalle züchten oder auch andere Materialeigenschaften erreichen, die unter normalen irdischen Bedingungen nicht zustande kämen. Es ist also wohl nicht ganz abwegig, diese Erkenntnisse auch auf die erwähnten Wasser-Ethanol-Plus-X-Moleküle zu übertragen.

Nneben dem Institut für Feststoffphysik der Universität Tokio wird auch das japanische Synchrotron-Strahlungsforschungs-Institut JASRI an der Analyse der Molekularstruktur mitwirken.

Der Weltraumwhisky ist im Anschluss an das Experiment nicht für den Verkauf vorgesehen. Sollte die These der Japaner sich als korrekt herausstellen, wäre die Herstellung von Whisky an Bord der ISS allerdings vielleicht eine Möglichkeit, deren Zukunft zu sichern. *hüstel* Im Umkehrschluss könnte man aber auch auf die Idee kommen, den Liebhabern der harten, rauchigen Whiskysorten Produkte anzubieten, die auf Rüttelplatten gereift sind. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden… ^^

Fotografieren auf Mir und ISS – damals und heute

Kurz zwischendurch, zum Start ins lange Wochenende:

Wenn Alexander Gerst, Chris Hadfield oder Samantha Cristoforetti quasi in Echtzeit ihre Fotos und Videos auf Twitter mit uns Erdlingen teilen, gibt’s allerseits staundende und sehnsüchtige Augen. Und viel Lob für die Öffentlichkeitsarbeit. Sind Herr Gerst und Frau Cristoforetti etwa kommunikativer und „volksnäher“ als seinerzeit z. B. Thomas Reiter*?

Nein. Da würden wir Herrn Reiter & Co. Unrecht tun: Reinhold Ewald erklärt, wie sich die technischen Möglichkeiten in den letzten 20 Jahren gewandelt haben:

*In der Küche meiner ersten eigenen Wohnung, 1995, hing übrigens ein Bild von ihm bei Außenarbeiten an der Raumstation Mir. Säuberlich hinter Glas eingerahmt. Ich vermute, spätestens da habe ich mir bei so manchem Besucher den Ruf erworben, nicht alle Tassen im Schrank zu haben. ^^

The Final Frontier? – Teil I

Na? Haben sie schon mal, oder haben sie nicht, die Astronauten?

Couple

Voyager, Golden Record. Copyright: NASA

Stimmt, die Rede ist von Sex, und zwar nicht zu Hause auf der Erde, sondern schwerelos in Shuttles oder Raumstationen. Gut, in den Anfängen der Raumfahrt war man vermutlich mit den technischen Herausforderungen der Mission beschäftigt genug. Anschließend lag der Schwerpunkt verständlicherweise auf Studien, die wichtigere Aspekte, wie z. B. das Nervensystem, Skelett und den Kreislauf, betreffen. Frauen an Bord waren ohnehin ein Thema für sich. Doch bereits 1973 spekulierte über die sich bietenden Möglichkeiten und Risiken niemand Geringeres als Isaac Asimov [1], und schon 1976 erschien immerhin eine russische Publikation über den Fortpflanzungsapparat von Ratten nach einem Raumflug [2]. Die Astronauten Mark Lee und Jan Davis traten 1992 sogar ihre Flitterwochen im damaligen SpaceLab an – sie hatten erst kurz vor dem Start heimlich geheiratet. Haben ausgerechnet diese beiden also tatsächlich auch nicht…?

Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien über Sex und Fortpflanzung im All – allerdings betreffen sie ausschließlich andere Tiere und Pflanzen. Doch was ist speziell mit Menschen? Das Thema beschäftigt die Gemüter offenbar nachhaltig: So berichtete der britische „Guardian“ im Jahr 2000 über eine Studie mit dem Titel „The Final Mission: Mir, The Human Adventure“, die sich später als Hoax herausstellte. Was eigentlich hätte klar sein müssen, denn die Crew der genannten Mission bestand nur aus Männern.* Bis heute, weit über 40 Jahre nach dem ersten bemannten Raumflug, findet sich kein verbriefter Bericht über Sex unter Astronauten, seien es Russen, Europäer, Chinesen, Japaner oder Amerikaner. In den Dokumenten der NASA findet sich nicht einmal der kleinste Hinweis darauf, wie das Thema Sex aktuell oder in Zukunft gehandhabt werden soll.

Einerseits ist dies erstaunlich, denn heutige Missionen auf der ISS dauern schon gerne mal ein halbes Jahr. Genug Zeit und Gelegenheit also, sich in jeder Hinsicht näher zu kommen, sollte man meinen. Zumindest die NASA sieht das jedoch anders. Von der nicht gerade für ihre Freizügigkeit bekannten amerikanischen Öffentlichkeit finanziert, vermeidet die NASA alles, was auch nur ansatzweise darauf hindeuten könnte, dass die Raumfahrer über unseren Köpfen Dinge veranstalten, die nicht direkt mit ihrer Mission zu tun haben. Mehr noch: Der „Astronaut Code of Professional Responsibility“ erlegt den Astronauten explizit die Verpflichtung zu einem „constant commitment to honorable behavior“ auf. Im ISS Crew Code of Conduct (PDF, S. 5) heißt es gar:

„No ISS Crew Member shall, by his or her conduct, act in a manner which results in or creates the appearance of: 1) giving undue preferential treatment to any person or entity in the performance of ISS activities;…“.

(Falls also zwei Astronauten schon einmal Sex im All hatten, dann tun sie angesichts ihrer Verträge gut daran, ihre Erlebnisse noch ein paar Jahrzehnte lang hübsch für sich zu behalten.) Die NASA lässt nicht einmal Ehepartner gemeinsam an Missionen teilnehmen; Lee und Davis waren die bisher einzige Ausnahme. Das alles erscheint auf den ersten Blick extrem prüde, hat aber durchaus einen Sinn: Zu enge persönliche Beziehungen könnten von der Arbeit ablenken, das Team spalten, die Befehlskette gefährden, Eifersucht hervorrufen oder sogar zu kriminellen Handlungen führen, wie der Fall der Astronautin Lisa Nowak 2007 bewies. Das ist die andere Seite der Medaille.

Nun steuern wir allerdings auf das Zeitalter von mehrjährigen Langzeitmissionen u.a. zum Mars zu. Das ist nicht mehr vergleichbar mit einem halben Jahr im Orbit auf der ISS. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich in dieser Zeit Paare bilden werden. Nähe und persönliche Verbundenheit sind mittel- und langfristig eine der Grundvoraussetzungen für psychische Gesundheit. Sex ist also beileibe nicht nur ein Risikofaktor. Statt das Thema weiter unter den Tisch zu kehren, muss die NASA daher ihre Hausaufgaben machen und sich dieser Herausforderung stellen, forderte schon vor Jahren die National Academy of Sciences.

Doch gehen wir einmal davon aus, das sei bereits geschehen, Sex an Bord von Raumfahrzeugen und -stationen sei erlaubt und es gäbe auch genug Rückzugsmöglichkeiten für die Partner. Klappt das denn ohne Schwerkraft überhaupt? Einen Anhaltspunkt bieten Erfahrungsberichte aus Parabelflügen: Die Künstlerin Vanna Bonta zum Beispiel fand es extrem schwierig, ihren Mann bei einem derartigen Flug auch nur zu küssen, ohne dass der gute alte Newton ihnen mit seinem 3. Gesetz dazwischen funkte und das Paar bei der kleinsten Bewegung wieder auseinander trieb. Es gelang erst in der 8. Parabel. An Sex war gar nicht erst zu denken. Was zunächst lustig klingt, kann im Ernstfall sogar schmerzhafte Verletzungen zur Folge haben. Doch an Ideen für Abhilfe mangelt es nicht:

The one place you don’t want to make love in space is in the sack! This is because the slightest movement against a rigid surface (such as a bed) imparts an upward impetus, and before you know it you’re bouncing off the ceiling, banging into furniture, and otherwise flying uncontrollably around the room. The only way to make it in bed is if at least one partner uses leverage straps, or both of you tether yourself to the bedposts (space bondage?), or you use an oversized sleeping bag which is itself tied down to a wall or other surface. But these are all too much work, and not much fun.
(…)
The best place to make it in space is in space – that is, in mid-air far from any surface. Once brought to a stop hanging in the middle of the room, which we shall call the Center Position, a couple cannot reach a wall so long as they stay together. No matter how they gyrate, bump or bounce, once their mutual center of gravity is fixed it will stay put. Even if they are drifting very slowly because of air drafts they should be okay – Skylab science pilot Edward Gibson once waited 20 minutes to drift to a new handhold after inadvertently losing his grip on an opposing wall.

So what’s the best way to achieve Center Position? There are two techniques, which may be termed ballast and impact. Using the ballast technique, the two grab hold of each other and push gently up from the floor. When they are close to Center Position, they heave a counterweight covered with sticky Velcro toward the ceiling, thus transferring their momentum to the ballast and stopping in mid-air. The ballast slaps the ceiling and sticks until retrieved.

In the impact method, which seems like more fun, the partners go to opposite walls and gently push off toward mid-room. When they meet halfway they grab each other, again neutralizing their opposite momenta and halting at Center Position. This will take some practice to get right, as the lighter member of the couple must propel her or himself slightly faster and aim must be reasonably accurate. (Robert A. Freitas Jr., „Sex in Space“, Sexology Today 48 (April 1983):58-64)

Ein weiterer Vorschlag involviert eine dritte Person als „Stabilsator“, analog zum Mythos des 3. Delphins, der seinen beiden kopulierenden Artgenossen unter Wasser ähnliche Probleme erspart. Es steht jedoch zu befürchten, dass diese Methode nur eingeschränkten Anklang finden würde. (Fakt ist übrigens, dass Delphinmännchen sich mit ihrem Penis im Weibchen festhaken können und nicht auf Hilfe angewiesen sind.) Ähnliches gilt für den extrem pragmatischen Ansatz, die Partner schlicht mit Panzerband aneinander oder irgendwo fest zu kleben. (Dies ist bisher die bevorzugte Methode bei Wiederbelebungen im Notfall; von der Problematik her ja Sex nicht ganz unähnlich.) Möglich, aber vermutlich ebenfalls unbeliebt, wäre auch die von Seeottern praktizierte Technik, bei der das Männchen sein Weibchen mit den Zähnen an der Nase festhält.

Vanna Bonta entwickelte daher lieber den sogenannten „2Suit„, einen Anzug, der an strategisch sinnvollen Stellen Reißverschlüsse und Klettband aufweist und sich so nicht nur ausdehnen, sondern mit einem anderen Anzug seiner Art verbunden werden kann. Das Paar schafft sich so ein Kleidungsstück, welches es beim Sex zusammen hält und noch dazu ohne große Vorbereitungen von der Arbeits- zur äh… Freizeitkleidung wird. Ein zusätzlicher Vorteil dieses Anzugs: Körperflüssigkeiten wie Sperma und Schweiß können nicht einfach in die Umgebung abdriften und dort Gegenstände und andere Personen verschmutzen. (Wenn wir bedenken, dass selbst ein krümelndes Sandwich schon zu ungeahnten Problemen führen kann, ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen.) Streicheln nackter Haut, spontaner Positionswechsel etc. sind mit dem 2Suit allerdings nicht möglich. Der Romantikfaktor dürfte sich daher auch hier in engen Grenzen halten.

Außerdem ist mit Anzug, Panzerband oder sonstigen Haltesystemen auch ein weiteres mögliches Problem noch nicht gelöst: Die Erektions(un)fähigkeit im All. Während die einen Astronauten von schmerzhaften morgendlichen Dauererektionen berichten und dies auf die Umverteilung der Flüssigkeiten im Körper zurückführen, berichten andere mit exakt der selben Begründung das genaue Gegenteil. Besonders anregend klingt jedenfalls beides nicht. Hinzu kommen Hinweise, dass auf längeren Flügen der Testosteronspiegel und die Libido bei Männern abnimmt. [3] Es stellt sich also zu allem Überfluss auch noch die Frage, ob man(n), wenn man(n) denn könnte, überhaupt noch will.

Für die letztgenannten Probleme bieten Medizin oder Physik wahrscheinlich praktikable Lösungen. Wie aber sieht es aus, wenn wir nicht nur Sex, sondern Fortpflanzung im All anvisieren? Genau das wird das Thema des nächsten Blogeintrags sein.

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*Jaaaajaaa, ich weiß. Männer können auch mit Männern Spaß haben und Frauen auch mit Frauen. Aber: Wir reden hier von einer angeblichen Studie. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet die US-amerikanische NASA als erste Studie zum Thema „Sex im All“ ausgerechnet homosexuelle/lesbische Personen untersucht, ist noch heute und war erst recht in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts extrem unwahrscheinlich. Zumal es ja ultimativ darum geht, mehr über die Fortpflanzungsfähigkeit herauszufinden.

[1] I. Asimov: „Sex in a Spaceship“, Sexology (January 1973). Reprinted in Science Past – Science Future, 1975.
[2] G.I. Plakhuta-Plakutina, L.V. Serova, A.A. Dreval’, S.B. Tarabrin, „Effect of 22-day space flight factors on the state of the sex glands and reproductive capacity of rats“, Kosm Biol Aviakosm Med. 1976 Sep-Oct;10(5):40-7., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/979120?dopt=Abstract
[3] Maria Angela Masini, Elisabetta Albi et al.: „The Impact of Long-Term Exposure to Space Environment on Adult Mammalian Organisms: A Study on Mouse Thyroid and Testis“ DOI: 10.1371/journal.pone.0035418, PLOSCollections 2012, http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0035418

Kirobo & Mirata

Er ist 34 cm klein, wiegt ungefähr ein Kilo und spricht nur Japanisch: Kirobo, das im Wortsinn jüngste Crewmitglied der ISS – ein puppengleicher Roboter mit einem insektenähnlichen Gesicht. Seit dem 21. August befindet er sich an Bord der Station, und am 4. September 2013 hat er seine erste Rede gehalten:


Der humanoide Kirobo und sein baugleiches, irdisches Kontrollobjekt „Mirata“ entstanden in Kollaboration des „Research Center for Advanced Science and Technology“ der Universität Tokio mit den Firmen Robo Garage, Toyota, Dentsu und der japanischen Raumfahrtagentur JAXA. Optisches Vorbild war die Figur des Tetsuwan Atomu („Astro Boy“), ein bekannter japanischer Manga-Held.

Zieht man in Betracht, dass an Bord eines jeden Raumfahrzeuges die Nutzlast und erst recht die privaten Habseligkeiten der Astronauten stark limitiert sind, fragt man sich unwillkürlich, wieso in einer Raumstation plötzlich derartige scheinbare Spielzeuge auftauchen? Die Antwort ist ebenso einfach wie erstaunlich: Kirobo ist als Gesellschafter und Assistent für Koichi Wakata gedacht. Letzterer wird gegen Ende des Jahres Kommandant der ISS werden und gleichzeitig das einzige Japanisch sprechende Crewmitglied sein. Kirobo, dessen Name vom japanischen Wort „kibō“ („Hoffnung“) abgeleitet ist, wurde darauf programmiert, Wakatas Gesicht zu erkennen, mit ihm Konversation zu betreiben, ihm Nachrichten von der Bodenstation zu übermitteln und dergleichen mehr. Unter anderem wird er auch in der Lage sein, Probleme mit elektronischen Komponenten der ISS zu analysieren. Ziel ist es, herauszufinden, ob derartige Roboter den Astronauten neben rein technischer auch psychologische Unterstützung bieten können.

Diese Idee ist an sich nicht neu. Isolation, sei sie nun räumlich oder auch durch Alter oder ein Handicap bedingt, kann rasch zu Depressionen führen. Seit vielen Jahren zeigen Litaratur bzw. Filme wie „I, Robot“, „AI – Artificial Intelligence“ oder auch nur der gute alte Commander Data in „StarTrek: TNG“, dass Menschen schon lange davon träumen, sich elektronische Gesellschafter zu erschaffen, die sie ganz auf ihre Bedürfnisse einstellen können. Bereits 1993 stellte das japanische National Institute of Advanced Industrial Science den „Kuschelroboter Paro“ für ältere Mitbürger vor. Längst kennen wir Furbies, „My Real Baby“, Tamagochis und AIBO als Spielzeuge, die Leben simulieren. Ein zusätzlicher Blick auf Webseiten wie http://www.robotcompanions.eu/ oder Berichte wie dieser über Wakamaru, einen von Mitsubishi entwickelten „Gesellschaftsroboter“, belegen eindrücklich, dass wir insgesamt schon erstaunlich weit gekommen sind, was Roboter als Menschenersatz anbetrifft.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Roboter können nach Belieben in und außer Betrieb genommen werden. Sie haben bei guter Verarbeitung mehr Kraft als ein Mensch, stellen keine Ansprüche und haben – auch wenn das zynisch klingen mag – keine Menschenrechte. Für Konversationen könnte man sie bei Bedarf quasi über Nacht mit neuen Fachgebieten „füttern“, so dass prinzipiell keine Langeweile aufkommen dürfte. Selbst eigenständiges Lernen ist für Roboter inzwischen kein Problem mehr. Bei Weltraumeinsätzen kommt noch hinzu, dass Roboter wie Kirobo wesentlich weniger Platz wegnehmen als ein Mensch. Man kann sie einfacher vor Strahlung schützen und sie benötigen weder Sauerstoff noch Schlafpausen, solange genug Energie zur Verfügung steht.

Ob allerdings auf die Dauer lebend erscheinende Objekte die gleiche Rolle ausfüllen können wie tatsächlich lebende Menschen oder Tiere, die auch von sich aus echte Empathie und Interesse bekunden können, ist fraglich. [1], [2] Vgl. auch => hier. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Kirobo-Projektleiter jene und vergleichbare Studien längst kennen – und somit auch die Limits ihres Vorhabens.

Allerdings würde sich diese Frage im Fall der ISS-Besatzung vermutlich auch erst dann stellen, wenn ein einzelner Mensch über einen längeren Zeitraum ohne adäquaten menschlichen Ansprechpartner auskommen müsste. Die Missionen auf der ISS dauern üblicherweise aber jeweils nur wenige Monate. Hinzu kommt, dass Wakata weder völlig alleine auf der Raumstation sein wird, noch ist er außerstande, sich mit seinen Teamkollegen zu verständigen. In Anbetracht der Anforderungen und des für Raumfahrer üblichen Trainings dürften die Englischkenntnisse des gesamten Teams völlig ausreichend sein, um Einsamkeit zu vermeiden. Insofern kann der Versuch mit Kirobo und Kommandant Wakata wahrscheinlich nicht viel mehr als an der Oberfläche der Problematik kratzen. Nichtsdestotrotz wird der kleine Roboter dort oben aber sicherlich für Kurzweil und nicht zu verachtende Arbeitserleicherung sorgen. Wenn ich es mir also recht überlege… Ich hätte auch gerne einen! ^^

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[1] Sherry Turkle: „A Nascent Robotics Culture: New Complicities for Companionship“, MIT, Cambridge, Massachusetts, 2006
[2] Sherry Turkle: Relational Artifacts/Children/Elders: The Complexities of CyberCompanions, MIT, Cambridge, Massachusetts, 2005

Da waren’s plötzlich zwei.

Vor einigen Tagen schloss der Kinderkanal seine „Logo“-Nachrichten mit den Worten: „…, dass die Chinesen vielleicht auch irgendwann ihre eigene Raumstation haben werden.

Erstaunlicherweise ausgerechnet am Ende des Berichts über die chinesische Astronautin Wang Yaping, die jüngst ihre erste Unterrichtsstunde aus dem Orbit erteilte. Und zwar – das hätten die Redakteure eigentlich wissen oder anhand des Videos bemerken müssen – aus eben dieser, sich angeblich doch noch in Planung befindlichen Station:




Von „vielleicht irgendwann“ kann nämlich gar keine Rede sein; die ISS ist nicht mehr allein dort oben. Ihr chinesisches Pendant bzw. dessen erster Teil „Tiangong 1“ ist zwar mit bisher nur einem Modul noch klein, aber dennoch längst Realität. Es befindet sich seit dem 29. September 2011 im Orbit, in einer durchschnittlichen Höhe von ca. 350 km, mit einem Neigungswinkel von 42 Grad.

China hat somit die „Fortschrittslücke“ zu den USA, Russland und Europa in erstaunlich kurzer Zeit geschlossen:

  • Die Planung für die Raumstation begann 1999.
  • Ein erstes Konzept wurde im Jahr 2000 auf der Weltausstellung in Hannover vorgestellt. Damals war noch geplant, schlicht mehrere Shenzhou Shuttles im All zu einer Station zu verbinden.
  • 2003 beförderte die CNSA mit Yang Liwei ihren ersten eigenen Taikonauten überhaupt ins All.
  • Zu Neujahr 2009 stellte die Agentur schließlich das aktuelle Konzept für das Tiangong-Modul vor.

Mit dem urspünglich gezeigten Entwurf hat Tiangong-1 nur noch gemeinsam, dass eines der Shenzhou-Shuttles nach dem Andocken als Habitat-Ergänzung bzw. Schlafplatz für einen der derzeit drei Taikonauten an Bord genutzt wird. Das Modul erinnert ansonsten mittlerweile stark an ein optimiertes Soyuz-Raumfahrzeug.

Tiangong-1

Tiangong-1; Bild: CNSA/NASA
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Tiangong-1 ist 10,5 Meter lang, hat einen Durchmesser von 3,35 Metern und wiegt ca. 8.500 Kilogramm. Trotz seiner geringen Größe enthält es jedoch alles, was ein Astro… pardon: Taikonaut benötigt – von Klimatisierung und Kleidung über Sportgeräte bis hin zur Ausstattung für die medizinische Beobachtung und Versorgung.

Tiangongs Nutzlast dient unter anderem der Erforschung der Ionosphäre, energetischer Sonnenpartikel und des Kristallwachstums unter Schwerelosigkeit. An der Außenwand befinden sich darüber hinaus Instrumente zur Erdbeobachtung in verschiedenen Spektralbändern.

Aller Voraussicht nach wird Tiangong-1 in 2013 und 2016 durch jeweils größere Module ersetzt werden. Bis 2020 will China seine Station dergestalt ausweiten, dass sie die ungefähren Ausmaße des damaligen Skylab der NASA erreicht.

Bisher besteht für die NASA ein Kooperationsverbot mit China und seiner Raumfahrtbehörde. Angesichts der Tatsache, dass für die Zukunft recht ehrgeizige und kostenintensive Projekte wie bemannte Marsflüge ins Visier genommen wurden, denen eine finanzielle und wissenschaftliche Beteiligung möglichst vieler Länder gut tun würde, steht dieses Verbot jedoch zunehmend in der Kritik. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein Austausch zwischen den Nationen stattfinden wird, um den Ressourceneinsatz zu optimieren. Eine wissenschaftliche Kooperation zwischen den beiden Raumstationen wäre in dieser Hinsicht vielleicht ein guter Anfang.