Mars One – „Big Brother“ auf dem Nachbarplaneten

In meinem letzten Posting erwähnte ich im Fazit, dass eventuellen Interstellarreisen und der Besiedelung von Exoplaneten entsprechende Experimente innerhalb unseres eigenen Sonnensystems vorausgehen sollten. Nun sieht es so aus, als solle ein solches Projekt im kleinen Maßstab Gegenstand einer Reality-Soap werden.

Richtig gelesen: Die niederländische Stiftung „Mars One“ sucht ab sofort Bewerber für eine Mission, in deren Verlauf eine Marskolonie aufgebaut werden soll. Im Abstand von zwei Jahren sollen jeweils weitere Kandidaten und Material folgen; die Fortschritte während der Reise und vor Ort sollen ähnlich wie bei „Big Brother“ im Fernsehen übertragen werden. Finanziert wird das ca. 6 Milliarden Dollar teure Projekt durch die Übertragungsrechte und Spenden.

Eine Rückreise der Kandidaten ist nicht vorgesehen. Wer einmal dort ist, bleibt auch dort. Bas Lansdorp, der Mitbegründer von Mars One, begründet dies damit, dass der menschliche Körper sich nach dem langen Flug und dem Aufenthalt auf unserem Nachbarplaneten nicht wieder an die Schwerkraft der Erde anpassen könne. [1]

Ich persönlich halte diese Begründung spontan für nicht ganz plausibel, denn man könnte die ca. achtmonatige Rückreise durch entsprechend konzipierte Raumfahrzeuge durchaus dazu nutzen, den Körper sukzessive wieder auf die Schwerkraft der Erde vorzubereiten. Auch dem vorhergesagten Muskel- und Knochenschwund kann man durch Sport entgegenwirken. Denkbar wäre eher, dass irgendwann das Immunsystem schlapp macht, je nach Gesamtdauer der Reise. [2] Wie das Beispiel von Valeri Poljakow zeigt, wäre jedoch eine Rückreise nach kurzem Aufenthalt höchstwahrscheinlich sehr wohl möglich. Poljakow ist mit über 14 Monaten an Bord der „MIR“ Rekordhalter für den längsten Aufenthalt in Schwerelosigkeit. Er hat trotz einer Übergangsphase mit gewissen körperlichen und psychischen Anpassungsschwierigkeiten offenbar keinerlei bleibende Schäden davongetragen. [3]

Wie man dem BBC-Artikel entnehmen kann, sind einige Experten dennoch skeptisch, was Mars One angeht. Insbesondere die stark schwankenden Temperaturen, die Abwesenheit von flüssigem Wasser und das Strahlungslevel empfindet Dr Veronica Bray von der Universität Arizona als problematisch.[1] Dies deckt sich mit jüngsten Berichten, dass (wenig überraschend…) stärkere Strahlungseinwirkung mit einem erhöhten Krebsrisiko einher geht. [4] Um dem entgegen zu wirken, sollen die Habitate auf dem Mars mit einigen Metern Erde bedeckt werden. Den Ausblick auf die Marslandschaft werden die Kolonisten also wohl nur in Raumanzügen außerhalb ihrer Wohnkapseln genießen können.

Auch von Seiten einiger Astronauten gibt es Bedenken. Sie betreffen vor allem die langfristige Funktionstüchtigkeit der Lebenserhaltungssysteme. Dennoch heißt es über NASA-Astronaut Stan Love:

„Although dubious about the funding, the technology and the impact of radiation, Love applauds small enterprises like Mars One.

He strongly believes private organisations will help raise awareness and hopefully discover or design some technology which will help future teams reach their goal of landing on Mars.“

(Quelle: „Applicants wanted for a one-way ticket to Mars„)

Ich persönlich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es mit Mars One weitergeht. Vermutlich wird dies die erste Reality-Soap, die ich mir freiwillig ansehe. Falls sie denn zustande kommt.

——————-
[1] http://www.bbc.co.uk/news/science-environment-22146456
[2] http://www.kommunikation.uzh.ch/publications/magazin/magazin-12-1/Magazin-2012-1-18.pdf
[3] http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/001401398186991
[4] http://explore.georgetown.edu/news/?ID=70072&PageTemplateID=295

Advertisements

ExoMars-Deal zwischen ESA und Roskosmos perfekt

Ich merke schon: Über ein spezifisches Thema zu bloggen, hat’s in sich. Während man im Hintergrund noch an einer älteren, längeren Sache bastelt, überholen einen die aktuellen Ereignisse:

Ein Tweet von @FlorencePorcel machte mich gestern darauf aufmerksam, dass die 2003 erstmals angedachte Mission „ExoMars“ nun tatsächlich durchgeführt werden soll. Neuer Kooperationspartner der ESA ist die russische Raumfahrtagentur Roskosmos.

Ursprünglich war diese Mission für 2009 vorgesehen, damals noch mit der NASA als Kooperationspartner. Diese jedoch signalisierte in 2011 finanzielle Probleme und zog sich aus dem Projekt zurück.

ExoMars konzentriert sich im Gegensatz zu Spirit und Opportunity nicht auf geo-, sondern auf biologische Untersuchungen, ähnlich wie, aber mit größerem Leistungsspektrum als Curiosity. Zudem handelt es sich um eine Doppelmission:

Vorgesehen ist, Anfang 2016 zunächst den sogenannten „Trace Gas Orbiter“ vorauszuschicken. Ausgestattet mit Detektoren, Kamera und Spektrometern soll er die Atmosphäre bzw. den Boden des Planeten auf Gase bzw. wasserhaltige Mineralien untersuchen, welche evtl. auf Spuren von (ehemaligem) Leben hinweisen könnten. Er dient darüber hinaus später auch als Relaisstation für die Kommunikation mit dem eigentlichen ExoMars-Rover.

ExoMars der ESA auf der ILA 2006 (Berlin)

Bildquelle: Thomas Hagemeyer

Dieser folgt dem Orbiter in 2018. Seine Aufgabe ist die gezielte Suche nach früherem oder gar noch existierendem Leben auf dem Mars. Da ein solcher Fund auf der seit Jahrmilliarden exponierten Oberfläche des Planeten sehr unwahrscheinlich ist, wird der Rover Bodenproben aus ca. zwei Metern Tiefe entnehmen und mittels einer umfangreichen Ausrüstung analysieren. Im Jahr 2003 hatte die ESA einen Ideenwettbewerb zur Nutzlast des Rovers gestartet. Es wäre interessant zu wissen, ob es einige der damaligen Vorschläge auf den neuen Rover schaffen werden – und wenn ja, welche.

Der Transport von Bodenproben zurück zur Erde ist jedoch nicht geplant. Auch dieser Rover wird, wie seine Vorgänger, nach Ende der Mission auf dem Mars verbleiben.

Bis 2016 sind es nur noch 3 Jahre. Hoffen wir, dass die beteiligten Agenturen und Unternehmen dieses ehrgeizige Ziel tatsächlich erreichen und nicht wieder etwas dazwischen kommt.