Die Sonde ist tot! Es lebe die Sonde!

Rosetta, die Kometensonde, ist vor einigen Tagen tatsächlich wie vorgesehen deaktiviert worden und auf dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko aufgeschlagen. Das Medienecho war wie zu erwarten beträchtlich, und auch in den sozialen Medien war die Anteilnahme groß. Ich muss gestehen, auch ich war fasziniert und ein wenig wehmütig. Als mir aber auf Twitter und Facebook mehrfach die Behauptung unterkam, Rosetta samt Philae sei – sinngemäß – der Welt liebste Kometensonde gewesen, wanderten meine Augenbrauen in die Höhe. Wie bitte?!

Ohne die großartigen Errungenschaften dieser Mission klein reden zu wollen, wurde mir klar, wie sehr doch das Bild, das die hiesige Öffentlichkeit von Raumfahrt hat, auf Europa, USA und maximal noch Russland beschränkt ist. In gewissem Ausmaß verständlich. Aber ich würde im Folgenden trotzdem gerne dazu beitragen, dies zu ändern:

Darf ich bekannt machen? => Hayabusa.

Hayabusa war eine ca. 500 Kilo schwere japanische Sonde, die im Mai 2003 zum Asteroiden Itokawa startete von dort sogar zurückkehrte. Und zwar mit Material des Asteroiden im Gepäck, trotz widrigster Umstände bzw. zahlreicher Fehlfunktionen. Klicken Sie ruhig auf den Link – dahinter steckt ein veritabler Raumfahrt-Thriller! Eine Sample-Return-Mission! Das hat seinerzeit durchaus ebenso Aufsehen erregt, mit vielen Fans, die die ganzen Jahre über mitgefiebert haben. *) Nur leider eher weniger außerhalb Asiens.

Hayabusa, deren Name zu Deutsch übrigens „Wanderfalke“ bedeutet, kam zu einem Zeitpunkt wieder zur Erde zurück, als Rosetta noch gar nicht ihr Ziel erreicht hatte. Nämlich im Juni 2010. Doch damit nicht genug: Schon im Dezember 2014, also kurz nach Rosettas Ankunft bei 67P, startete vom Tanegashima Space Center die Nachfolgemission, „Hayabusa 2“:

Hayabusa 2. Bild: JAXA
Hayabusa 2. Bild: JAXA

Ihr Ziel ist der Asteroid 162173 Ryugu („Drachenpalast“).
Ryugu – mit einem Durchmesser von fast einem Kilometer bald doppelt so groß wie seinerzeit Itokawa – ist unter anderem deshalb interessant für eine derartige Mission, weil er nach bisherigem Informationsstand stark kohlehaltig ist, gleichzeitig aber auch UV-Strahlung in Wellenlängenbereichen absorbiert, die bei derartigen Asteroiden normalerweise nicht bzw. weniger stark absorbiert werden. Das lässt auf Glimmer- und Ton-Anteile im Gestein schließen. Diese Mineralien wiederum enthalten stets Wasserstoff- und Sauerstoffanteile oder gar tatsächlich Wasser. Man erhofft sich also auch von dieser Mission Rückschlüsse auf den Ursprung des Universums und des Lebens darin.

Die Instrumente

Anders als ihre Vorgängerin wird sich Hayabusa 2 allerdings ab Juli 2018 nicht nur eine halbe Stunde, sondern anderthalb Jahre lang am bzw. auf dem Asteroiden aufhalten. Geplant ist, ihm Proben zu entnehmen und ihn mit Hilfe des „Near Infrared Spectrometer“ (NIRS3) und des „Thermal Infrared Imager“ (TIR) zu kartographieren. Der batteriegetriebene Haupt-Lander dieser zweiten Mission, MASCOT (Mobile Asteroid Surface Scout), ist so konzipiert, dass er sich auf dem Kometen fortbewegen kann. Ausgerüstet ist er auch mit Kamera bzw. Mikroskop, Strahlungsmesser und Magnetometer. Drei solargetriebene „MINERVA-II mini-landers“ sollen während des Aufenthalts u. a. Temperaturmessungen vornehmen. Auch sie können ihren Standort aktiv verändern.

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Hayabusa 2, MASCOT Lander sowie MINERVA-II mini landers. Credit: JAXA

Um auch an Gesteinsproben aus tieferen Schichten zu gelangen, wird Hayabusa einen Sprengsatz (Small Carry-on Impactor (SCI)) mit 4,5 Kilogramm Oktogen auf den Asteroiden fallen lassen. Der SCI wiederum verformt eine 2,5 Kilogramm schwere Kupferplatte zu einem Projektil, welches in die Oberfläche von Ryugu einschlägt und so frische, noch nicht durch Umwelteinflüsse manipulierte Gesteinsschichten in Zugriff bringt.

Obwohl man den Asteroiden schon relativ gut zu kennen glaubt, bin ich gespannt, ob auch diesmal Überraschungen auf die Forscher warten. Hayabusa 1 beispielsweise kam seinerzeit mitnichten an dem soliden Objekt an, das die Wissenschaftler erwartet hatten. Stattdessen stellte sich damals heraus, dass Itokawa im Grunde ein Haufen Geröll ist, dessen Einzelteile einander durch ihre Anziehungskraft zusammen halten. Rosetta ihrerseits lieferte die ebenfalls überraschende Erkenntnis, dass auch 67P/Churyumov-Gerasimenko überhaupt erst durch den Zusammenstoß zweier Gesteinsbrocken zu seiner bekannten Form gekommen war.

Interessanterweise ist auch Hayabusa 2 wieder mit einem Ionenantrieb ausgestattet. Bei Hayabusa 1 wurde dieser auf der Rückreise sehr in seiner Funktion eingeschränkt, nachdem eine Sonneneruption die Energieversorgung beeinträchtigt hatte und die Mission daraufhin (wieder einmal) fast scheiterte. Die JAXA hat ihre Antriebe diesmal allerdings verbessert bzw. besser geschützt.

Die Rückkehr der Sonde mit den Proben des Asteroiden ist für 2020 geplant. Eine detailliertere, grafische Darstellung des zeitlichen Ablaufs findet sich => hier oder im folgenden Video:

Sicher, beide Missionen, Hayabusa und Rosetta, sind bzw. waren in Technik und Zielen denkbar unterschiedlich. Sie hatten aber auch viele Gemeinsamkeiten. Und spätestens wenn man sich anschaut, dass zum Beispiel Hayabusas Lander MASCOT vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Kooperation mit dem französischen Centre national d’études spatiales gebaut wurde, wird doch klar, dass Raumfahrt im Grunde nicht Länder- sondern schlicht Menschenangelegenheit ist. Über alle Grenzen hinweg. Was für mich einschließt, dass ich auch als technisch Unbeteiligter mit „fremden“ Missionen mitbangen und mich freuen kann. Jede Mission, egal wer sie durchführt, geht uns alle an.

Ich hoffe sehr, dass auch Hayabusa in Zukunft bekannter wird, vielleicht auch in Europa so viel Begeisterung hervor ruft wie Rosetta. Oder wenigstens annäherungweise. Verdient hat sie es allemal.

*) Rund um die Geschichte von Hayabusa 1 wurden sogar mehrere Spielfilme gedreht:
http://asianwiki.com/Hayabusa_%28Japanese_Movie%29
http://asianwiki.com/Okaeri_Hayabusa
http://asianwiki.com/Hayabusa:_Harukanaru_Kikan
http://asianwiki.com/Hayabusa:_Back_to_the_Earth

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PS: Ein niedliches Comic-Alter-Ego wie Rosetta hat Hayabusa auch schon längst. Wie übrigens eine ganze Reihe von JAXA-Missionen. Auch da sind sie „uns“ voraus. Wenn man denn Comics mag. ;-)

Hayabusa 2, Cartoon. Credit: JAXA

Hayabusa 2, Cartoon. Credit: JAXA

Rosetta wird gecrasht. Aber warum?

Raumfahrtmissionen sind nicht nur relativ kostspielig. Sie müssen auch von langer Hand geplant werden. Nicht selten vergehen Jahrzehnte von der neuen Idee bis zum Missionserfolg. Es ist also nicht verwunderlich, wenn man aus allen Missionen das maximal Mögliche herausholen möchte, was die Lebensdauer der Instrumente, aber natürlich auch, was Umfang und Qualität der Ergebnisse angeht. Deshalb mutet es auf den ersten Blick etwas seltsam an, dass die Kometensonde „Rosetta“, der rein technisch betrachtet eigentlich noch eine gewisse Lebenszeit beschieden wäre, am Freitag dieser Woche auf ihrem Zielkometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko abstürzen soll – und zwar gewollt und geplant, obwohl ihre Instrumente noch funktionieren.

In den sogenannten Sozialen Medien hat dies zu einigen Fragen geführt. Insbesondere danach, warum man Rosetta nicht eine andere, neue Mission gibt, wenn sie doch noch funktionstüchtig ist? Diese Frage hat Michael Khan in seinem Blog bereits ausführlich und anschaulich beantwortet.

Eine weitere Frage drehte sich darum, aus welchem Grund man Rosetta nicht einfach weiter um den Kometen kreisen und Daten liefern lässt, bis sie nicht mehr funktioniert. Die Antwort darauf ergibt sich aus der aktuellen Lage der Sonde bzw. des Kometen: Tschurjumow-Gerassimenko und Rosetta entfernen sich zunehmend von der Sonne. Daher wird Rosetta bald nicht mehr genug Energie erhalten, um irgendwelche Daten an uns zurück zu funken. Je mehr die Sonde dabei auch noch auskühlt, desto wahrscheinlicher ist es außerdem, dass ihre Elektronik daran unwiderruflich Schaden nimmt. Einen erneuten „Winterschlaf“, wie während des zehnjährigen Anfluges an den Kometen, geben die aktuellen Energiereserven leider auch nicht mehr her. Darüber hinaus verschwindet Rosetta derzeit samt dem Kometen auch noch hinter der Sonne. Damit würde der Funkkontakt ohnehin abbrechen, selbst wenn Rosetta warm und funktionstüchtig bliebe. Die Mission hat also in jedem Fall sehr bald ihr Ende erreicht.

Leitet man Rosetta jedoch noch rechtzeitig in einen Orbit, der am Ende zum Absturz*) auf des Kometen Oberfläche führt, kann man aber immerhin bis kurz vor ihrem Verschwinden auf noch detailliertere Bilder hoffen als man bisher schon erhalten hat. Mit etwas Glück führen diese dann zu noch mehr Erkenntnissen über Ursprung und Beschaffenheit des Kometen. Quasi ein letztes Geschenk der Sonde an die Wissenschaftler, bevor sie unbrauchbar wird.
Genau dieser Prozess wurde in den letzten Monaten und Wochen auch vorbereitet und in die Wege geleitet.

Schön und gut, aber warum versucht man dann nicht, Rosetta am Ende vorsichtig zu landen und wirklich noch den allerletzten Rest ihrer Lebensdauer auszunutzen? Statt sie abstürzen zu lassen und damit sicher zu zerstören? Hierfür gibt es mehrere Gründe:

Erstens ist Rosetta darauf technisch nicht ausgelegt. Sie war von vornherein nur als Transportmittel und Relais für den Lander Philae gedacht. Sie für eine halbwegs sanfte Landung auszulegen, hätte einiges mehr an Aufwand und auch Gewicht nach sich gezogen. Gerade in der Raumfahrt gilt aber: „So komplex wie nötig, aber so einfach wie möglich.“ Damit minimiert man a) Kosten und b) das Risiko für Fehlfunktionen.
Dass Rosetta gegen Ende ihrer Mission nun noch derart nah an den Kometen heran geführt werden kann, ist im Grunde ohnehin schon als Bonus zu betrachten.

Zweitens müsste man damit rechnen, dass die Sonde auch bei einem Landeversuch schwer beschädigt wird und dann ohnehin nicht mehr funktioniert. Zumindest die Solarpanele sowie zahlreiche auf der Unterseite angebrachte Instrumente würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit großen Schaden nehmen.

Drittens würde Rosetta bei einem derartigen Versuch ziemlich sicher nicht auf einem bestimmten gewünschten Punkt zu stehen kommen, sondern umher rutschen oder sich gar überschlagen. Selbst wenn dabei das gesamte Instrumentarium inklusive der Solarpanele unbeschädigt bliebe – was extrem unwahrscheinlich ist -, wäre es schon ein großes Glück, wenn sie obendrein noch an einem sonnenbeschienenen Ort zu liegen käme. (Wir erinnern uns: Philae, der sogar explizit für eine Landung ausgelegt war, prallte eben dabei mehrfach von der Kometenoberfläche ab und kam in einer Felsspalte zu liegen, in die viel weniger Sonnenlicht drang, als der Lander benötigt hätte, um seine Mission voll zu erfüllen.) Doch selbst in diesem Fall wäre das Glück nicht von Dauer, denn der Komet rotiert mit einer Periode von nur ca. 12 Stunden um seine eigene Achse und würde so die Energiezufuhr durch die Sonne immer wieder unterbrechen. Das reicht nicht aus, um Rosettas Funktionen aufrecht zu erhalten. Aber auch wenn all das kein Problem darstellen sollte, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass Rosettas Antenne noch präzise genug augerichtet wäre, um Daten an die Erde zurück zu funken. Schon bei einer Abweichung um ein halbes Grad würden ihre Daten die Erde nicht mehr erreichen.

Viertens kann man ein Raumfahrzeug auf diese Entfernung ohnehin nicht mal eben spontan einparken wie ein Auto in eine unverhofft gefundene Parklücke. Das ging auch schon bei Philae nicht. Die Befehlssequenz für seine Landung war schon beim Start der Mission vorprogrammiert und wurde vor Ort automatisch ausgeführt. Für alles andere sind die Reaktionszeiten auf diese Distanz schlicht zu lang. Bis der Lagebericht der Sonde hier einträfe, hätte sich deren Situation vor Ort längst schon wieder weiter verändert. Eine auf ihrem Bericht basierende Kurskorrektur durch das Kontrollzentrum bräuchte noch einmal so lange und käme erst recht zu spät an.

Auf jedes „Aber wenn X nun doch nicht passiert …?“ folgt also unweigerlich ein „… dann passiert aber höchstwahrscheinlich immer noch Y und Z.“ Vergleicht man die Möglichkeiten mit den Chancen auf Erfolg, ist ein Crash auf dem Kometen das Szenario mit dem besten Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis. Ein Landungsversuch hat in diesem Fall schlicht keinen Sinn.

Hals- und Beinbruch, Rosetta! Und ein dickes, herzliches Dankeschön an alle, die an dieser Mission beteiligt waren. Sie war einfach großartig!

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*) Ein Absturz auf den Kometen ist natürlich aufgrund der viel geringeren Schwerkraft nicht vergleichbar mit einem Crash auf die Erdoberfläche. Dennoch ist zu erwarten, dass Rosetta dabei erheblich beschädigt wird.

Philae ist wieder wach!

Ich hatte es ja kaum noch zu hoffen gewagt, aber Philae, der kleine Lander auf dem Kometen P67, ist gestern abend tatsächlich wieder aufgewacht und funkt wieder an die Erde.

Mitte November 2014 war Philaes Landung auf dem Kometen nicht ganz planmäßig verlaufen. Infolgedessen lag er an unbekannter Stelle, offenbar zwischen Felsen, so dass er nicht optimal mit Sonnenenergie versorgt wurde. Die ESA erklärte damals:

We still hope that at a later stage of the mission, perhaps when we are nearer to the Sun, that we might have enough solar illumination to wake up the lander and re-establish communication, ” added Stephan.

From now on, no contact will be possible unless sufficient sunlight falls on the solar panels to generate enough power to wake it up. The possibility that this may happen later in the mission was boosted when mission controllers sent commands to rotate the lander’s main body with its fixed solar panels. This should have exposed more panel area to sunlight.

(Quelle: ESA Pressemitteilung)

Offensichtlich haben sich die diesbezüglichen Hoffnungen am 13. Juni 2015 erfüllt. Der Lander befindet sich nun in 305 Mio. Kilometer Entfernung von der Erde und hat bereits erste wissenschaftliche Daten nach Hause gefunkt.

„Philae is doing very well: It has an operating temperature of -35ºC and has 24 Watts available,“ explains DLR Philae Project Manager Dr. Stephan Ulamec. „The lander is ready for operations.“
(Quelle: ESA, „Rosetta Blog„)

Falls alles nach Plan verläuft, wird Philae nun seine restlichen gesammelte Daten zur dortigen Auswertung an die Bodenkontrollen funken. Informationen darüber, wie lange der Lander diesmal schätzungsweise aktiv bleiben kann / wird, habe ich leider noch nicht gefunden. Ich werde das ggf. hier ergänzen.

Meinen herzlichsten Glückwunsch an die Teams der ESA! Großartige Leistung, die gesamte Mission!

Touchdown nach 10 Jahren

Die Geschichte der Landung von Philae ist mittlerweile ein großes „Eigentlich“. Eigentlich wollte man schon 2003 zu einem Kometen reisen. Eigentlich wollte man ursprünglich Proben entnehmen und für die Analyse zur Erde zurücktransportieren. Eigentlich wollte man auf 46P/Wirtanen landen. Diverse Probleme, unter anderem mit der Trägerrakete Ariane 5, haben dies jedoch verhindert; alles kam ganz anders. Letztendlich startete am 2. März 2004 die Sonde „Rosetta“ zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko. Mit an Bord: Das Landemodul und Minilabor „Philae“ – ausgerüstet für umfangreiche Untersuchungen vor Ort, statt für Bodenprobenentnahme und Rücktransport. Voraussichtliche Dauer der Reise: 10,5 Jahre, 6,5 Milliarden(!) Kilometer, beschleunigt durch Slingshots um die Erde und um den Mars:


 

Insgesamt 15 Jahre Berechnungen, Bau und Bangen – und es hat tatsächlich geklappt. Das war nicht selbstverständlich. Noch im Januar 2014 hatte man sich gefragt, ob Rosetta sich aus ihrem Energiesparmodus überhaupt wieder wecken lassen würde. Von Beschädigungen über Fehlfunktionen und Funkstörungen bis hin zum kompletten Energieausfall wären alle möglichen Störfälle denkbar gewesen. Und somit ein vorzeitiges Ende dieser langen und kostspieligen Mission. Doch am 12. November 2014 hat sich Philae erfolgreich von Rosetta getrennt, ist auf dem Kometen gelandet und hat erste Daten gesendet. Eine Premiere. Ein Stück Raumfahrtgeschichte, darf man wohl sagen. Alles verlief automatisch; ein Eingreifen seitens der Bodenkontrolle wäre nicht mehr möglich gewesen. Die genauen Abläufe sind auf dieser französischen Grafik des CNES dokumentiert.

Leider verlief die Landung aber nicht zu 100% reibungslos: Um der geringen Schwerkraft des Kometen entgegen zu wirken (ein Objekt, das hier 100 Kilogramm wiegt, hat dort ein Gewicht von gerade mal einem Gramm), hätte Philae sich eigentlich bei der Landung mit Harpunen im Boden verankern sollen. Das hat leider nicht geklappt. Daher ist das Minilabor zunächst etwas auf dem Kometen herumgehüpft und somit nicht nur ein-, sondern gleich dreimal gelandet:

Eventuell hat der Lander es geschafft, im Anschluss an seine Hopser wenigstens die Eisschrauben in die Kometenoberfläche zu bohren. Das war zum Zeitpunkt dieses Blogeintrages leider noch nicht klar. Fest steht jedenfalls, dass neben unglaublicher Präzision bei der Planung letzten Endes auch eine ganze Menge Glück im Spiel war. Komplett verloren wäre die Mission allerdings selbst dann nicht, wenn sich herausstellen sollte, dass Philae überhaupt nicht auf dem Kometen verankert ist. Auch wenn der Lander den Kometen verlassen sollte, hat er doch den grundsätzlichen technischen Ansatz als korrekt bestätigt und bereits eine Vielzahl von Daten geliefert. Außerdem ist da immer noch Rosetta selbst, die den Kometen weiterhin umkreisen wird und schon spektakuläre Bilder und Messungen geliefert hat. Wir wissen jetzt zum Beispiel, dass Komet „Tschuri“, wie er inzwischen allerorten genannt wird, nicht nur nach faulen Eiern stinkt, sondern auch regelrecht schnurrt. Das kann man sich sogar selbst anhören.

Aber warum macht man all das überhaupt? Eine Expedition zu einem unbewohnbaren Gesteinsbrocken, gerade mal drei Meilen lang, über 500 Millionen Kilometer weit weg, der keine auf Anhieb sichtbaren (geschweige denn förderbaren) Schätze birgt? Wozu? Nun, Kometen sind nicht nur ungefähr so alt wie unser Sonnensystem, sie haben sich seit dessen Entstehung auch kaum verändert. Auf ihrer Oberfläche oder in ihrem Kern finden kaum chemische oder biologische Prozesse statt. Deshalb versprechen Wissenschaftler sich von Kometen eine ganze Reihe von extrem wertvollen Informationen über den Ursprung unseres Sonnensystems und ggf. auch des Lebens auf der Erde. Diese Informationen liefert (hoffentlich) in den kommenden Monaten Philae mit seinen zahlreichen Instrumenten.

Geplant sind unter anderem
– Panoramaaufnahmen des Kometen
– Bodenanalysen mittels Bohrproben
– Magnetfeldmessungen
– Analysen der chemischen Zusammensetzung mittels Bestrahlung, Gaschromatographie und Massenspektrometer
– Temperaturmessungen an und unter der Oberfläche des Kometen
– Strukturanalysen mittels Schallwellen

Warum aber nun ausgerechnet dieser Komet? Und warum dauerte das Ganze so lange? Die Antworten auf diese Fragen sind relativ profan: 67P wurde schlicht deshalb ausgewählt, weil man ihn in absehbarer Zeit am besten erwischen konnte. Allzuviel Auswahl gab es im passenden Zeitfenster nicht. Die Reisedauer ergab sich nicht nur aus der großen Entfernung, sondern unter anderem auch aus der Tatsache, dass die Sonde sich der Geschwindigkeit und der Flugbahn des Kometen erst annähern und anpassen musste. Hätte man Rosetta pfeilgerade zum nächstbesten Kometen geschossen, wäre das Ganze zwar etwas schneller gegangen, aber auch als Zusammenstoß mit Totalschaden geendet. Stattdessen hat sich die Sonde dem Kometen erst angenähert und ist dann auf eine Umlaufbahn eingeschwenkt. Nicht zuletzt, um den Kometen auch erst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, denn seine genaue Beschaffenheit war bis zur Ankunft unbekannt. Bevor man das Minilabor Philae dort landen lassen konnte, mussten also zunächst passable Landeplätze gesucht, untersucht und ausgewählt werden. Auch das nahm Zeit in Anspruch.

Angesichts der Reiselänge ist es ziemlich schade, dass die eigentliche Mission relativ bald wieder beendet sein wird. Schon gegen Ende 2015 wird „Tschuri“ der Sonne so nahe kommen, dass sowohl die Sonde Rosetta als auch der Lander Philae unweigerlich verglühen. Die Raumfahrtagenturen haben allerdings bereits durchblicken lassen, dass es in Zukunft durchaus weitere Kometenmissionen geben könnte. Denn kein Komet ist wie der andere. Jeder einzelne kann uns wieder Neues über unser Sonnensystem verraten. Und somit auch über uns.

Update: Der Lander ist nach dem zweiten Hopser hochkant auf dem Komenten liegengeblieben, funktioniert aber zum großen Teil dennoch. Florian Freistetter erklärt die aktuelle Lage.

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Nachtrag: Die Highlights des „Press Briefing“ vom 12. November:

Rosetta ist wieder wach

Wie ich vor knapp einem Jahr bereits schrieb, ist 2014 das Jahr der „Wiederauferstehung“ von Rosetta bzw. der Landung von Philae auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko:

Der erste Punkt auf der Agenda für 2014 ist seit heute erledigt. Nämlich das Wecken der Sonde, die sich zweieinhalb Jahre lang im Energiesparmodus befand. Das war notwendig, weil Rosetta im Gegensatz zu diversen anderen Raumfahrzeugen nicht über eine Radionuklidbatterie verfügt, sondern auf Sonnenenergie angewiesen ist. Da diese jedoch mit zunehmender Entfernung von unserem Zentralgestirn (derzeit rund 800 Millionen Kilometer) in immer geringerem Umfang zur Verfügung steht, mussten die Forscher bis auf weiteres so viele Systeme wie möglich herunterfahren, um die Sonde ans Ziel zu bringen. Ein Nebeneffekt des Energiesparmodus war des weiteren das drastische Auskühlen der Sonde. Sie musste sich auf Geheiß des Kontrollzentrums heute zunächst wieder aufwärmen, bevor sie die schlafenden Systeme wieder hochfahren, ihre eigene genaue Position ermitteln und wieder zurück an die Erde funken konnte.

Um 19:18 Uhr UTC+1 verzeichneten die Bodenstationen erstmals wieder ein Signal. Die Sonde wird nun Daten über den Zustand ihrer Systeme an die Erde funken. Sollten diese in Ordnung sein, versorgt die Sonde anschließend die wissenschaftlichen Instrumente wieder mit Energie und wird im März 2014 auch den Lander „Philae“ aktivieren. Er soll im November 2014 auf dem Kometen landen.

(Wird fortgesetzt)

Philae – der Countdown läuft

Rosetta / Philae Es nähert sich das Jahr 2014 und somit die geplante Landung von Philae auf einem Kometen – die erste Kometenlandung der irdischen Raumfahrt überhaupt.

Wir erinnern uns: Philae ist die Landeeinheit der ESA Raumsonde „Rosetta„, die seit März 2004 unterwegs ist. Eine Verzögerung beim Start der Mission machte ein Erreichen des ursprünglichen Zieles 46P/Wirtanen unmöglich, so dass man sich letztendlich für 67P/Tschurjumow-Gerassimenko als Alternative entschied. Rosetta hat auf ihrem Weg dorthin zudem bereits wertvolle Daten zu den Asteroiden 2867 Steins und 21 Lutetia gesammelt.

Um der Mission zum endgültigen Erfolg zu verhelfen, bereitet sich die ESA mit Hilfe von originalgetreuen Kopien des Landers jetzt auf alle möglichen Bedingungen und Szenarien vor. [1]

Vor der eigentlichen Landung ist eine Kartierung des Kometen geplant, um den besten Landeplatz zu bestimmen. Es ist noch nicht bekannt, welche Oberflächenbeschaffenheit der Komet aufweist: Staub, Eis, Felsen – alles ist möglich. Auch die genaue Anziehungskraft des Kometen muss erst noch bestimmt werden.

Anhand der irdischen Philae-Modelle können all diese Situationen vorab simuliert und die optimale Vorgehensweise für die Landung bestimmt werden. Kurz bevor es soweit ist, wird dieses Szenario dann per Funk an den Lander übermittelt.

Nach der Landung steht die  Untersuchung von 67P/Tschurjumow-Gerassimenko an. Mehrere Monate lang wird der Lander Bodenproben analysieren, Temperaturen messen, Fotos aufnehmen, die Festigkeit des Kometen testen etc.

Von den gewonnenen Daten verspricht man sich Rückschlüsse auf den Ursprung des Sonnensystems bzw. seiner Komponenten. Im Gegensatz zu Planeten findet auf Kometen keine Veränderung des Gesteins durch chemische oder biologische Prozesse statt. Es ist höchstwahrscheinlich über Milliarden von Jahren in seinem Ursprungszustand verblieben.

Da der Komet sich bereits zu Beginn dieser Aktion der Sonne nähert, ist dem Lander selbst leider kein gutes Ende vorherbestimmt. Er wird entweder irgendwann vom Kometen abgerissen oder auf ihm verbrennen. Seinen Status kann man unter anderem auch unter https://twitter.com/Philae2014 verfolgen.

[1] http://www.dlr.de/dlr/presse/desktopdefault.aspx/tabid-10172/213_read-6556/year-all/
Quelle Bild: NASA Aeronautics and Space Administration